Ein Interview mit Naum Kleiman

Der Filmhistoriker Naum Kleiman spricht über das freundschaftliche Zusammensein auf dem „Territorium Film“ und denkt über Kaliningrad als historischen Kreuzungspunkt vieler Kulturen nach. 

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Text: Ekaterina Tewes 

Herr Kleiman, Sie sind in Russland und im Ausland für ihre langjährige Forschung zu Sergej Eisenstein bekannt. In welchem Zusammenhang nahmen Sie am Festival „Territorium Film“ teil?

Tatsächlich ging es nicht um meine Kernthemen. Bei der Festivalausgabe 2015 stellte ich den Film „Pamir. Dach der Welt“ von Wladimir Jerofejew vor. In den 1920er Jahren war Jerofejew berühmt und galt als erbitterter Rivale von Dsiga Wertow. In den 1930er Jahren wurden sie dennoch beide verfemt. Das neue Dokumentarkino, das von stalinistischer Ideologie durchtränkt war, setzte sowohl dem avantgardistischen Experimentieren Wertows als auch der humanistischen Grundhaltung der Filme Jerofejews ein Ende. Jerofejew geriet jahrzehntelang in Vergessenheit.

 

Wie kam Ihnen die Idee, Jerofejew in Kaliningrad zu zeigen?

Jerofejew war Vertreter der zentralen sowjetischen Filmbehörde Goskino in Berlin. Während dieser Zeit drehte er den Film „Zum glücklichen Hafen“ und dokumentierte darin das krisenerschütterte Deutschland an der Schwelle zu den 1930er Jahren. So erschien es uns logisch, über Jerofejew im Kontext der Kaliningrader deutsch-russischen Filmtage zu erzählen. Die Idee, „Zum glücklichen Hafen“ zu zeigen, mussten wir aber fallen lassen. Der Film wurde von den sowjetischen Zensoren derart beschnitten, dass er nur ideologisch aufgeladen und verstümmelt wirkt. Deshalb entschieden wir uns für „Pamir. Dach der Welt“. Das ist ein großartiger Film, der ein stilles und unterschätztes Meisterwerk blieb. Es ist aber immer die schwierigste Aufgabe, dem Publikum die stillen und unaufgeregten Kapitel der Filmgeschichte vorzustellen: die Filme zu zeigen, die weder avantgardistisch sind, noch mit Glamour, Stars und Tratschgeschichten zu tun haben.

 

Wie lief die Vorführung?

Die Zuschauer waren bereit, den Film zu schauen. Das wärmt mir bis heute das Herz, wenn ich an das Festival zurückdenke. Ich würde sagen, dass das „Territorium Film“ eines der würdevollsten und reinsten Festivals ist, wenn man denn über ein Festival so sprechen kann. Es ist rein, weil es frei von Programmpunkten ist, die mit dem Film nichts zu tun haben. Frei von Kommerz, zufälligen Filmen und Menschen, falschem Geltungsdrang unter Gästen und Zuschauern. Das Publikum ist hier überhaupt eines der aufgeschlossensten in Russland. Bei unserer Vorführung wurden keine unnötigen, sekundären Fragen gestellt, wie etwa: Was hat der Film gekostet? Wie viel Geld hat er eingespielt?

 

Wonach haben die Kaliningrader gefragt?

Nach dem Wesentlichen. Und es ging nicht nur um künstlerische Aspekte des Films, etwa seine Ästhetik und Stilistik, sondern auch um soziale und historische Probleme. Ich war begeistert davon, wie die Organisatoren die Atmosphäre des Dialogs im Saal schaffen. Unsere Vorführung fand in einem Kunstraum statt, der im historischen Stadtmauertor untergebracht ist. Die Zuschauer saßen und standen, wie sie lustig waren. Sie waren also schon durch das Setting auf den informellen Ton eingestimmt.

 

Was noch trägt Ihrer Meinung nach dazu bei, dass die Atmosphäre des Dialogs beim Festival entsteht?

Eine wichtige Rolle spielen die Größe und der Standort des Festivals. Vieles hängt auch von den Kuratoren ab. Elena Gromova ist eine der charmantesten und engagiertesten Festivalkuratorinnen, die ich kenne.

 

Was für eine Rolle spielt die Festivalgröße?

Wenn man die Festspiele in Cannes oder Venedig mit einem opulenten Feuerwerk vergleichen kann, ist die Ausstrahlung des Kaliningrader Festivals die vom gemütlichen Feuer eines Kamins, vor dem man sich sofort hinsetzen und ein ruhiges Gespräch führen will. Das ist der Sinn und Zweck von den sogenannten kleinen Festivals. Deshalb sind sie in meinem Verständnis überhaupt nicht „klein“. Es sollte mehr von solchen Festivals geben. Sie sind das tägliche Brot, das die Filmkunst und das Publikum gleichermaßen brauchen.

 

Warum „das tägliche Brot“?

Solche Festivals erfüllen eine Funktion, die für die Filmkunst von fundamentaler Wichtigkeit ist. Das ist der direkte Kontakt zum Publikum. Denn das Einspielergebnis gibt meist nur Auskunft darüber, ob der Produzent einen kommerziellen Erfolg verbuchen kann. Die Anerkennung bei großen Festivals untermauert den Status des Regisseurs, ein Großer seiner Zunft zu sein. Aber nur bei „kleinen“ Festivals bekommt man die unmittelbare Publikumsreaktion zu spüren.

 

Weshalb ist der direkte Kontakt zum Publikum für die Filmkunst notwendig? Und dies in den Zeiten, wo wir immer mehr Filme im Internet streamen?

Sicherlich kann heutzutage jeder von uns sich frei nach Wunsch cineastische Meisterwerke zuhause anschauen. Aber das häusliche Streaming und das gemeinsame Filmerleben im Kinosaal sind zwei von Grund auf verschiedene Dinge. Das Streamen kann deinen Horizont erweitern, gibt aber wenig Möglichkeit, in einen Dialog mit anderen, mit scheinbar völlig fremden Menschen zu treten. Gerade in diesem Dialog aber setzt du dich nicht nur mit den Inhalten eines Films auseinander, sondern auch mit deinem eigenen Platz in der Gesellschaft und Kultur. Im Dialog mit anderen entdeckst du plötzlich dich selbst. Das bestimmt die Funktion des Kinosaals und insbesondere der Filmfestivals in entscheidender Weise.

 

Ihren Gedanken aufgreifend: Wer kann wen im Dialog entdecken, der auf dem „Territorium Film“ stattfindet?

Kaliningrad könnte Russlands Fenster nach Europa sein: ein Ort, wo wir uns Europa gegenüber weltoffen zeigen können. Ich würde aber auch sagen, dass Russland hier sich selbst zeigen könnte, wie vielfältig sowohl ihre Nachbarländer, als auch ihre eigenen Regionen sind – von der westlichsten bis zur östlichsten. Kaliningrad ist für einen solchen Austausch besonders gut geeignet. Hier fühlt man sich an der Kreuzung vieler Kulturen. Trotzt ihrer wechselvollen Geschichte hat die Stadt ihre kulturelle Komponente aufbewahren können. Das ist ein erstaunliches Phänomen von Königsberg–Kaliningrad. Das lag ja schon immer an der Kreuzung vieler Kulturen: als ein Teil der multinationalen Ostseeregion und natürlich als eine wichtige Station an der Strecke von Deutschland nach Sankt Petersburg. So scheint es nur folgerichtig, hier ein Festival zu machen, an dem sich die Wege unterschiedlicher Kinematografien kreuzen.