Interview mit Bernd-Günther Nahm

BG Nahm.jpg



Text: Ekaterina Tewes

Bernd-Günther, Du hast vor zehn Jahren „Territorium Film“ mitgegründet.

Wie war das ursprüngliche Festivalkonzept?

Wir haben uns ganz früh entschieden, dass es ein nicht allzu großes Programm mit ausgesuchten Filmen und geladenen Gästen geben wird und dass es ein wechselseitiges Festival sein wird. – Ein Austausch, der ermöglichen sollte, dass sowohl Filme aus Norddeutschland, die unter anderem unsere Filmwerkstatt gefördert hat, als auch Filme aus Russland präsentiert werden.

Warum sollte es ausgerechnet ein Dokumentarfilmfestival werden?

Unter den Filmprojekten, die in Schleswig-Holstein gefördert wurden und überregional reüssieren konnten, waren eher Dokumentar- als Spielfilme. Gleichzeitig ist der Dokumentarfilm eine Kunstsparte, die es nicht einfach hat, sich zu behaupten. Die finanzielle Situation der Dokumentarfilmer*innen ist nicht rosig, weder in Deutschland noch in Russland. Im Unterschied zu Spielfilmemacher*innen landen sie keine Blockbuster. Ihre Filme sind nicht das gängige Programm im Kino. Der Dokumentarfilm ist also ein Nischenprodukt, dem wir eine Bühne geben wollten. Und ich muss gestehen, dass der Dokumentarfilm immer meine große Leidenschaft gewesen ist.

Wie kam das?

Wenn ich mich selbst beschreiben würde, würde ich sagen: Ich bin ein Nomade. Ich bin sehr viel gereist. Menschen zu treffen und kennenzulernen, finde ich das Spannendste überhaupt. Unter anderem habe ich einige Jahre in Afrika gelebt und gearbeitet. Die Erfahrung, die ich in Afrika gemacht habe, war die, dass das Gemeinsame überwiegt und dass hinter allen möglichen Differenzen immer das liegt, was unser aller Zusammenleben ausmacht — Liebe, Respekt, Würde. Und je mehr wir voneinander wissen, desto besser gehen wir miteinander um.

Welche Rolle spielt der Dokumentarfilm dabei?

Wenn man in eine neue Region geht, in einen neuen Kultur- und Sprachkreis, ist der Dokumentarfilm besonders geeignet, von Menschen und ihrem Alltag zu erzählen. Mir war wichtig, in Kaliningrad zu zeigen, wie das Leben bei uns in Norddeutschland ist. Dass es im Westen das goldene Leben ist, ist ja Propaganda. Und dass es im Osten nicht das goldene Leben ist, ist auch Propaganda.

Weshalb ist der Dokumentarfilm besonders geeignet, von Lebensrealitäten zu erzählen?

Ich fand es immer hochinteressant, auch die Dokumentarfilme zu sehen, die sehr tief in die dunklen Seelen gingen oder von sozial schwierigen Verhältnissen erzählten. Dabei würde ich mir vielleicht nie einen Spielfilm anschauen, der sich mit vergleichbarer Thematik beschäftigt. Die Auseinandersetzung mit der Realität in all ihren Formen ist eine große Herausforderung. Und der Dokumentarfilm kann ihr standhalten. Dabei zeigt sich auch sofort, ob es ein Autorendokumentarfilm oder standardisierte Fernsehware ist.

Was unterscheidet einen Autorendokumentarfilm?

Ein Autorendokumentarfilm ist keine Start-Ziel-Veranstaltung mit vorgegebener Spielfilmdramaturgie. Er ist eine Untersuchung, eine Feldforschung mit offenem Ausgang. Und er ist, um ein Modewort zu benutzen, niederschwellig. Er startet oft mit Alltäglichem, wo wir Menschen uns wieder finden. So erlaubt er es uns im Wechselspiel von Nähe und Distanz, Vertrautheit und Fremdheit einen anderen Blick auf das Alltägliche und Besondere. Er vermag zu differenzieren, Schattierungen und Nuancierungen zu zeigen. Die Komplexität und Diversität des Lebens ist sein Metier – und das wollten wir mit unserem Programm in Kaliningrad rüberbringen.

Und hat es geklappt?

Ich glaube, ja. Wir haben auch einen klischeefreien Einblick in das Leben in Russland bekommen, der so selten präsentiert wird. Wenn man sich die Entwicklung des Festivals rückblickend anschaut, ist das Programm eine gute Mischung gewesen. Wir haben Filme sowohl von aufstrebenden und noch wenig bekannten, als auch etablierten Filmschaffenden wie Volker Koepp, Andres Veiel, Alina Rudnitskaya, Marina Razbezhkina, Katja Fedulova, Viktor Kossakovsky und Vitali Manski gezeigt. Mit dabei waren auch einige Filme von den Absolvent*innen der Moskauer Schule für Dokumentarfilm und Dokumentartheater, die von Marina Razbezhkina und Mikhail Ugarov gegründet wurde. Eine grandiose Sache! Alle diese Filme wären in Kaliningrader Kinos sonst nie gelaufen und wir hätten sie auch nicht unbedingt gesehen.

Wie ließ sich ein solch beeindruckendes Programm stemmen?

Damit wir als eine Neugründung nicht klein und unbedeutend bleiben, haben wir uns Partner gesucht. Das waren vor allem das Moskauer Artdocfest und Vitali Manski sowie das DOK Leipzig und sein damaliger Direktor Claas Danielsen sowie die Programmchefin Grit Lemke. Kurzum, wir haben versucht, ein Netzwerk aufzubauen. Das ist ein Talent, das Elena hat und das ich vielleicht auch habe. Somit war der Zugang zu Filmen und Personen nicht ganz so schwer.

Wie gut dieses Netzwerk funktioniert, merkt man auch daran, wie offen die eingeladenen Filmemacher*innen während des Festivals miteinander kommunizieren. Auch der Dialog zwischen den Filmemacher*innen und dem Publikum ist aufrichtig und informell. Wie ist es Euch gelungen, Vertrautheit und Gemeinschaftsgefühl zu schaffen?

Was manchmal diese Intimität zerstört, die du ansprichst, ist der Wunsch, das Festival immer größer und berühmter zu machen, noch mehr Filme in immer größeren Kinosälen zu zeigen. Wir haben dagegen immer gesagt, dass unser dreitägiges Format viel familiärer ist. Im Rahmen der Kulturpolitik, die immer Leuchtturm-Projekte haben will, ist es nicht einfach so ein kleines Juwel über die Runden zu bringen. Uns war aber wichtig, dass Filmemacher*innen und Zuschauer*innen, die dahin kommen, nicht einem künstlichen Hype folgen, sondern aus Interesse und Überzeugung da sind. Das hat sich dann, glaube ich, als Qualität auch in der Kommunikation gezeigt – als großer Respekt und große Neugierde aller Beteiligten füreinander.

Du hast bereits angemerkt, dass der Dokumentarfilm ein Nischenformat ist und es allemal nicht einfach hat, seine Zuschauer*innen zu finden. War das Kaliningrader Publikum von Anfang an dafür offen?

Das Publikum in Kaliningrad war immer sehr interessiert. Nichtsdestotrotz, wenn man so etwas startet, muss man in Richtung Publikum investieren. Denn niemand wird in der Wiege mit dem Dokumentarfilm großgezogen. Das ist eine Kulturtechnik, mit der man erst warm werden muss. Als Festivalveranstalter musst du also anbieten und noch einmal anbieten. Und dann gibt es eine Reaktion: die Zuschauer*innen kommen aus eigenem Antrieb wieder.

Außerdem haben wir versucht junge Menschen zu erreichen, die mit den neuen Medien heute viel selbstverständlicher umgehen, weil der Zugang dazu weitaus einfacher geworden ist. 2019 haben wir einen gemeinsamen Workshop mit den Studierenden der Kant-Universität und der Kieler Fachhochschule organisiert. Diese Idee ist durchaus ausbaufähig. Die Kooperation mit Bildungsinstitutionen wäre auf jeden Fall ein Weg, den Dokumentarfilm jungen Zuschauer*innen näherzubringen.

Inwiefern ist ein Dokumentarfilmfestival gerade für junge Menschen relevant?

Das Festival kann eine Öffnung für sie sein. Obwohl sie viel im Internet finden können, würden sie vielleicht gerade diese Filme erst gar nicht suchen, weil sie noch keine Vorstellung davon haben, dass es dieses Format – Dokumentarfilm – in dieser Vielfalt überhaupt gibt. Und ich habe beobachten können, wie sie nach allen anfänglichen Schwierigkeiten, mit diesem Format umzugehen, ihm doch etwas abgewinnen können, wie sie dann auf einmal Dinge anders hinterfragen.

Inwiefern sind die Festivals und Kinos vom Internet dennoch bedroht? Wohin geht Deiner Meinung der Trend?

Festivals haben weniger das Problem, dass das Internet sie verschwinden lassen würde, weil sie gut in unsere Zeit passen. Sie sind als ein Event zu erleben und haben Attraktionen zu bieten. Die Anwesenheit von berühmten Regisseur*innen und Schauspieler*innen hat einen Sogeffekt. Die schwierige Frage ist eher, was mit dem alltäglichen Ins-Kino-Gehen passieren wird und ob sich Filmtheater in der Zukunft behaupten können werden. Das Verschwinden von Kinos wäre ein Riesenverlust. Als Orte der Reflexion sind sie für die Gesellschaft sehr wichtig. Vielleicht müssten sie ähnlich wie Opern- und Schauspielhäuser als wichtiger Teil der allgemeinen Kultur anerkannt und unterstützt werden. Vielleicht gibt es auch andere Wege. In welcher Ausformung, mit welchen Partnern und Verbündeten die Zukunft der Kinos zu gestalten ist, muss und wird sich bald zeigen. Mit einer einfachen Fortschreibung des Status quo würde man aber mit Sicherheit sowohl das Geschäftsmodell wie auch den Kulturort riskieren.